Zensus 2011 oder Was heißt und zu welchem Ende studiert man Soziologie?

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber da steht eine großangelegte Volkszählung ins Haus – und Protest scheint marginal bzw. an die “üblichen Verdächtigen” delegiert. Protestkundgebungen sind Mangelware, Boykottaufrufe verhallen weitgehend ungehört im digitalen Nirwana und von parteipolitischer Seite aus hat man auch nicht viel Kritisches zu sagen. Bei den Grünen ist es inzwischen sogar soweit gekommen, dass 83% der Mitglieder dem Zensus wohlwollend gegenüberstehen.

Zur Erinnerung: Beim großen Volkszählungsboykott Mitte der 1980er Jahre waren es nicht zuletzt die Grünen, die sich gegen den “gläsernen Bürger”, staatliche Datensammelwut, Bürgerrechtsbeschneidungen und ein u.a. aus der Volkszählungs-Statistik gespeistes technokratisches Politikverständnis wandten. Apropos Statistik und Technokratie. Da man beim Zensus 2011 offenbar nicht überall genug freiwillige Datensammler finden konnte, hat man sich an der – ohnehin nicht gerade für ihre regierungs- und machtkritische Haltung bekannten – TU Dresden offenbar gedacht: Da helfen wir doch aus! Und siehe da, schwupps, schon hat man ein paar Soziologiestudenten zwangsverpflichtet. Empirische Grundlagenarbeit nennt man das dann. Dafür gibt es zwar kein Geld, aber immerhin Credit-Points. Und natürlich wirken und wuchern auch hier die (Eliten-)Netzwerke, wird doch die mit der TU kooperierende Erhebungsstelle in Freital von einem ehemaligen Studenten geleitet. So spart man jungen Menschen das Selberdenken – und der Freistaat sich selbst ein nettes kleines Sümmchen für die Aufwandsentschädigungen. Von der Seite der Regierenden aus betrachtet eine klassische Win-Win-Situation. Man könnte es aber auch eine spezielle Form von Herrschaftssoziologie nennen. Wie genau sich diese vollzieht – in Dresden und anderswo – und wie man sich wehren kann, dem sei http://zensus11.de/ empfohlen.
Und wer (s)einen Fragebogen schon vor sich liegen hat und nicht weiß, wie er ihn ausfüllen soll, dem empfehle ich einen Blick auf die erste Seite des Originalmanuskripts von George Orwells “1984″. Bei diesem Anblick bekommen Datenauswerter graue Haare – und am Ende nichts Gescheites raus…

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: