Neues Hochschulranking 2012 – CHE Hochschulranking gehört abgeschafft

Das bertelsmannfinanzierte Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) hat in diesen Tagen sein diesjähriges sogenanntes „Hochschulranking“ veröffentlicht. Auch wenn zahlreiche Hochschulen aus Protest aus diesem Ranking ausgestiegen sind, informieren sich leider noch immer einige Studierwillige auf diesem Wege über Hochschulen, was sicher auch an der Medienpartnerschaft zwischen CHE und der ZEIT liegt. Dabei ist das CHE Ranking alles andere als ein Studienführer. Das CHE ist ein Lobbyunternehmen, welches bereits seit Jahren darauf hinarbeitet den Bildungsbereich zu kommerzialisieren und die Wissensgesellschaft vollständig zu ökonomisieren. Hinter den Rankings verbirgt sich die Idee einer Ökonomisierung der Bildung. Für Konzerne wie Bertelsmann eine Lizenz zum Geld drucken. Bildung wird nur noch anhand einiger wirtschaftlicher Faktoren beurteilt anstatt es als Grundrecht und als öffentliches Gut zu begreifen, was jedem Menschen gleichermaßen offen stehen muss. (An der Stelle auch der Hinweis auf eine Broschüre von 2009 (pdf).)

Hier ein Hintergrundartikel zum Thema:

Interview von Florian Muhl (studis online) mit Prof. Clemens Knobloch:

„Das CHE-Ranking gehört abgeschafft“

Das CHE-Hochschulranking gerät angesichts des Ausstiegs von immer mehr Hochschulen, Fakultäten und Instituten in zunehmende Legitimationsschwierigkeiten. Studis Online sprach vor diesem Hintergrund mit Clemens Knobloch, Professor am Fachbereich 3 der Uni Siegen, der im vergangenen Jahr den Ausstieg aus dem Ranking beschlossen hat, über das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE), Hochschulrankings und die Bertelsmannstiftung.

Clemens Knobloch ist Professor für Sprachpsychologie, sprachliche Kommunikation und Geschichte der deutschen Sprachwissenschaft am Fachbereich 3 der Universität Siegen. Sein Fachbereich hat sich gegen eine weitere Beteiligung am CHE-Ranking ausgesprochen.

Studis Online: Wie ist es derzeit um die Akzeptanz des CHE-Rankings bestellt?

Clemens Knobloch: Dass die Akzeptanz des CHE-Ranking rapide schwindet, ist schon daran zu erkennen, dass die Leitung des Bertelsmann-Instituts von Uni zu Uni reist, um den Schaden für die Firma zu begrenzen. Der Kittel brennt. Man gibt sich lernbereit im Hause Bertelsmann und erklärt, die Kritik zur „Verbesserung“ des Ranking-Verfahrens nutzen zu wollen. Aber ein Verfahren, dass aus gewollten Unterschieden Rangplätze macht, ist nicht zu verbessern. Es gehört abgeschafft.

Wie schätzen Sie derzeit die Möglichkeit eines breiter organisierten Ausstiegs aus dem CHE-Ranking in Deutschland ein?

Im Augenblick ist die Lage günstig. Die politischen und ökonomischen Akteure versuchen, die anwachsende Kritik der Studierenden und mancher Medien auf die eigenen Mühlen zu lenken. Man versucht den Eindruck zu erwecken, die Kritik werde ernst genommen und berücksichtigt.
Tatsächlich wird es darauf ankommen, dass die Proteste weitergehen. Die Studierenden sollten sich ebenfalls am CHE-Ranking nicht mehr beteiligen. Ich weiß von mehreren weiteren Hochschulen, dass der Ausstieg aus dem Ranking im Gespräch ist.

Was für ein Interesse hat die Bertelsmannstiftung, die als gemeinnützig firmiert, sich dafür einzusetzen, dass der Bildungsbereich nach dem Wettbewerbsprinzip organisiert wird und welche Rolle spielen Hochschulrankings in diesem Zusammenhang? oder Wie gemeinnützig ist das CHE?

Clemens Knobloch: Das CHE ist ungefähr so gemeinnützig wie die Pharmalobby, der ja auch nur unsere Gesundheit am Herzen liegt. Langfristig ist der Bildungsmarkt für große „content provider“ wie Bertelsmann eine Lizenz zum Gelddrucken. Verpunktung und Modularisierung schaffen längerfristig vermarktbare Wissens- und Bildungseinheiten. Je prekärer die Verhältnisse am neuakademischen Arbeitsmarkt werden, desto größer wird die Bereitschaft der Mittelschicht, für die Bildungsabschlüsse ihrer Kinder viel Geld zu investieren. Das wird das größte Privatgeschäft seit der Riesterrente. Außerdem hat das Haus Bertelsmann auch eine ideologische Sendung: die Durchdringung aller öffentlichen Bereiche mit dem Geist von Markt, Wettbewerb, Konkurrenz.

Was für Grundannahmen liegen dem Betreiben von Rankings und dem Glauben an die Vergleichbarkeit von Hochschulen mit vollkommen unterschiedlichen Ausrichtungen zugrunde?

Jedes Ranking zielt notwendigerweise darauf, die Rangunterschiede herzustellen, die es zu messen vorgibt. Rankings „funktionieren“ wie sich selbst erfüllende Prophezeiungen. Wer schlechte Ergebnisse erzielt, der wird beargwöhnt, erhält weniger Mittel und wird tatsächlich „schlechter“. Gute Rangplätze können dagegen leicht in (materielle, reputative etc.) Ressourcen umgewandelt werden, also wird man „besser“.
Seriöse Sozialwissenschaftler (sogar die des Statistischen Bundesamtes! Siehe die Tagung vom 9./10. November 2006 in Wiesbaden) sprechen dagegen von der praktisch unlösbaren Schwierigkeit, die Qualität von Forschung und Lehre in Rankings zu operationalisieren. Und mit Bezug auf die Adressaten solcher Rankings sprechen sie von Entmündigung und Steuerungsversuchen. Jedes Hochschulranking stellt einen Versuch dar, die Hochschulen von außen, insbesondere durch kommerzielle Interessen, zu steuern.

Die Hochschulen wurden in den letzten Jahren im Zuge des Bologna-Prozesses und werden derzeit immer noch massiv umgebaut, sowohl auf Ebene der Studienordnungen (Bachelor / Master), als auch der Rahmengesetzgebung (Ziel- und Leistungsvereinbarungen, Leistungsbezogene Mittelvergabe) und der Finanzierung (Studiengebühren). Welche Rolle spielte – und spielt – dabei das Centrum für Hochschulentwicklung?

Das CHE ist seit seiner Gründung 1994 der wichtigste kompakte Akteur der deutschen Hochschulpolitik. Alle „Reformen“, die in ihrer Gesamtheit einer externen Machtübernahme an den Unis gleichkommen, sind vom CHE ersonnen. Von den Studiengebühren über die Budget-Autonomie, die faktisch das Gegenteil von Autonomie ist, bis zu den Hochschulräten und den verbindlichen Akkreditierungen. Das NRW-„Hochschulfreiheitsgesetz“ wurde faktisch vom CHE übernommen. Seit einiger Zeit agiert das CHE „zweihändig“, es hat neben dem „gemeinnützigen“ CHE einen Zweig „CHE-Consult“ aufgemacht, der unmittelbar mitverdient an Beratung, Steuerung der Hochschulen etc.

Wird die Zuweisung von öffentlichen Mitteln von dem Abschneiden einer Hochschule in einem Ranking abhängig gemacht?

Augenblicklich ist die Kopplung zwischen Rankings und öffentlicher Mittelzuweisung noch indirekt. Direkt hängt die Mittelzuweisung von den so genannten „Zielvereinbarungen“ ab, in denen die zuständigen Landesministerien die Bedingungen dafür festlegen, dass sie weiterhin einen großen Teil der Hochschulbudgets finanzieren.

An der privaten Zeppelin Universität am Bodensee soll eine Professur für „Reformkommunikation“ eingerichtet werden. Wie bewerten Sie dies vor dem Hintergrund der stattfindenden Umdeutung von Begriffen wie „Autonomie“, „(Hochschul-)Freiheit“ etc.?

Das Witzige ist ja eher, dass man zur Implementierung des neuakademischen Jargons durchaus keine Professur braucht. Jeder Depp kann ja die Leier von Autonomie, Effizienz, Freiheit, Profilbildung, Qualitätsmanagement herunterbeten. Es ist auch überall die gleiche Leier, der basso continuo der Privatisierung öffentlicher Aufgaben, gleich ob es um Gesundheit, Kindergärten, Stadtverwaltungen, Schulen oder Universitäten geht.
Das Problem ist eher, dass man an den Universitäten keinerlei Übung im Umgang mit diesen Sprechblasen hat. Sie sind einwandsimmun. Stellen Sie sich mal hin und sagen: „Meine Uni soll nicht autonom sein“. Und wenn Sie erklären, dass sich hinter dem schönen Wort „Autonomie“ die Zwangsjacke für jedermann verbirgt, dann hört schon keiner mehr zu. Das Wort klingt ja so schön!

Auch in Nordamerika und Kanada gibt es Hochschulrankings. Sie werden dort u.a. von dem Magazin Maclean’s und dem U.S. News & World Report durchgeführt. In Kanada entschlossen sich 2007 mehrere große Universitäten, darunter die Universität Toronto, die in den Rankings regelmäßig gut abgeschnitten hatte, zum Boykott des Rankings, da ihnen die Vergleichbarkeit nicht gewährleistet erschien.
Welche Gemeinsamkeiten bestehen zwischen den Rankings der Bertelsmannstiftung und denen von Maclean’s und U.S. News & World Report?

Bertelsmann pflegt, wie jeder Konzern, die Selbstdarstellung, wonach die eigenen Rankings toll und die der Konkurrenz völlig wertlos sind. Handfeste Größen sind Drittmittel, Preise, Veröffentlichungszahlen, Absolventen, Zitation. Aber alle Rankings können in der Gewichtung der Faktoren so abgemischt werden, dass man sie strategisch als Steuerungen einsetzen kann.

Die European University Association (EUA) kündigt in einer Pressemitteilung vom 05.02. für 2011 die erstmalige Bereitstellung einer „annual review of international higher education rankings“ an, in der die Methodik der jeweiligen Rankings kritisiert und Vorschläge für Verbesserungen gemacht werden soll.
Wie schätzen Sie diese Initiative ein?

Als Beobachter der medienöffentlichen Kommunikation werte ich das als ein Zeichen für die sinkende Akzeptanz der Rankings und für wachselnde Zweifel in der Öffentlichkeit. Nunmehr soll das Image der „Wissenschaftlichkeit“ gestärkt werden. Faktisch gilt: Wer genug Macht und Prestige hat, dass er sich nicht von externen Mächten steuern lassen muss (allen voran die eigentlichen Markenhochschulen der angelsächsischen Welt, die wegen ihres Reichtums zugleich auch wirtschaftlich wirklich autonom sind), der zieht sich kühl lächelnd aus allen Rankings zurück, weil er durch seinen Rangplatz viel verlieren, aber nur wenig gewinnen kann.

Im März erscheint Ihr Buch „Wir sind doch nicht blöd!: Die unternehmerische Hochschule“ zur schönen neuen Hochschulpolitik. Wer soll hier Ihrer Ansicht nach für blöd verkauft werden und wie geschieht das?

Für blöd verkauft werden in der neoliberalen „Reformrhetorik“ alle, die Hochschule sind: Lehrende und Studierende. Große Firmen und Stiftungen haben mit ihrer Geld- und Medienmacht durchgesetzt, dass ihr Interesse an der Marktunterwerfung von Forschung und Lehre als das allgemeine Interesse erscheint. Der Reformdiskurs verspricht jedem das, was er am liebsten hätte: den Studierenden Berufsbezug und Arbeitsmarktqualifikation, den Forschern Exzellenz und Internationalität, den Politikern Entlastung der öffentlichen Kassen. Eintreten wird aber allenthalben das Gegenteil des Versprochenen.

Was würden Sie Menschen, die sich für ein Studium interessieren und sich aus diesem Grund über Hochschulen und angebotene Studiengänge informieren möchten, raten?

Faktisch sind Universitäten heute so durchsichtig wie nie zuvor. Mit ein paar Mausclicks wissen Sie, was in einem Fachbereich, an einer Uni, gelehrt, geforscht, geboten wird. Vor 20 Jahren hätten Sie dafür ein halbes Jahr recherchieren müssen. In drei Minuten kann man herausbekommen, zu welchen Themen ein Prof. gearbeitet hat, welche Veranstaltungen er macht etc. Es sind die gleichen, die sonntags den mündigen Kunden predigen und die Sie werktags mit ihren Rankings steuern und entmündigen. Jede direkte Information ist tausendmal besser als ein Ranking.

Vielen Dank für das Interview!

Das Interview führte Florian Muhl.

Quelle: Studis-Online: Interview mit Prof. Clemens Knobloch: „Das CHE-Ranking gehört abgeschafft“, vom 08.03.2010

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Eine Antwort

  1. Dazu auch:

    CHE Hochschulranking 2012 (Seite 1)

    Das CHE-Ranking ist das umfassendste Hochschulranking im deutschsprachigen Raum. Aber nicht alle beteiligen sich – und tauchen daher u.U. gar nicht im Ranking auf. Oliver Iost erläutert die Hintergründe und hat zusammengestellt, was man im Ranking finden kann – und was nicht. Nicht dabei sind z.B. die Unis Köln, Lüneburg und Vechta, die FernUni Hagen und die Medizin-Fakultäten der Unis Göttingen, Hamburg und Jena.

    Die Vielzahl an Hochschulen und Studienangeboten macht es für Studieninteressierte oft schwer, eine Wahl zu treffen. Rankings scheinen da eine gute Möglichkeit, bei dieser (Aus-)Wahl zu helfen. Was aber gerade Studieninteressierten nicht klar sein dürfte, sind die Interessen, die die Macher von Rankings verfolgen (mehr dazu hier). Ebenso umfassen Rankings keineswegs alle Hochschulen bzw. Studiengänge. Selbst wenn man also die Rankings nur benutzt, um eine Vorauswahl zu treffen und die endgültige Entscheidung dann unabhängig davon trifft, könnte schon die Vorauswahl interessante „Kandidaten“ ausgelassen haben, ohne das man es merkt. Denn selbst in der ausführlichen Online-Fassung des CHE Rankings sind Hochschulen nicht enthalten, die sich dem Ranking verweigern. In der Fassung im ZEIT Studienführer fehlen darüberhinaus alle Standorte, für die Daten nur bruchstückhaft vorlagen.

    Das CHE-Ranking erfasst die größten 32 Fachrichtungen. Kleinere Fächer bleiben ebenso unberücksichtigt wie durch die gebildeten Fachrichtungen teilweise durchaus unterschiedliche Fächer in einen Topf geworfen werden. Für eine Übersicht der in Betracht kommenden Hochschulen sollte daher nicht das Ranking bemüht werden, sondern eine Studienfachsuche – z.B. die von Studis Online.

    […] Weiterlesen:

    http://www.studis-online.de/Studieren/art-1406-zeit-che-uniranking-2012.php

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