Ungleichheit größer als angenommen. Tax Justice Network Studie: 32 Billionen in Steueroasen

Eine am Sonntag veröffentlichte Studie des Tax Justice Network (TJN) zeigt, dass die Unterschiede nach Vermögen und Einkommen zwischen Arm und Reich noch größer sind, als bisher angenommen wurde. Demnach befinden sich mindestens zwischen 21 und 32 Billionen US-Dollar in Steueroasen. Aus dem Netzwerk Steuergerechtigkeit: Die Ungleichheit in Einkommen und Vermögen zwischen reichen und armen Menschen hat mittlerweile Dimensionen angenommen, die nicht nur moralische, sondern auch wirtschaftliche und politische Probleme aufwerfen. Nach Zahlen von UNICEF aus dem Jahr 2011 z.B. verfügt das reichste Fünftel der Menschheit über mehr als 80 Prozent der weltweiten Einkommen. Die neue Studie des Tax Justice Network kommt nun nach Auswertung der von reichen Personen in Steuer- und Verdunkelungsoasen gehorteten Vermögen zu dem Schluss, dass selbst diese alarmierenden Zahlen noch kein realistisches Bild liefern.

Unter den Titel „Inequality: You Don’t Know the Half of It“ kommen die Autoren Nicholas Shaxson, John Christensen und Nick Mathiason zu dem Schluss, dass viele Billionen an privaten Vermögen bisher nicht in die Berechnung von Einkommens- und Vermögensungleichgewichten einbezogen worden sind. Wenn solche Vermögen in Steuer- und Verdunkelungsoasen angelegt sind, wo die tatsächlichen Eigentümer teilweise nicht registriert werden müssen, können sie für die Berechnungen der Statistiker nicht herangezogen werden.

Erst kürzlich hatte eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) das Vermögens der obersten 1% in Deutschland von 23% auf 34% korrigiert, da  sehr reiche Haushalte in den Daten des sozio-ökonomischen Panels (SOEP) nicht bzw. untererfasst sind. Treffen diese Einschätzungen zu, so handelt es sich hierbei gar um qualitative Sprünge immer größer werdender Ungleichheit. Hierzulande ist seit dem Jahre 2000 die Kluft zwischen Arm und Reich stärker gestiegen als in jedem anderen Industrieland

Obwohl einige Studien versuchen, den Mangel an zugänglichen Daten auszugleichen, so die Autoren, gebe es einen wissenschaftlichen Konsens, dass die veröffentlichten Zahlen bisher noch kein ausreichend akkurates Bild der Wirklichkeit liefern. In einer zeitgleich vorgelegten Studie von James S. Henry, dem ehemaligen Chefvolkswirt der Unternehmensberater von McKinsey, schätzt das Tax Justice Network, dass mehr als 21 Billionen US-Dollar an Finanzvermögen von reichen Individuen auf Konten in Steuer- und Verdunkelungsoasen gebunkert wird. Auch das aus diesen Vermögen erwirtschaftete Einkommen bleibt großteils unterbelichtet. Dabei sind auch Henrys Zahlen nur konservative Schätzungen. Sie beziehen sich ausschließlich auf Finanzvermögen und klammern von Offshore-Zentren aus verwalteten Immobilienbesitz und andere Vermögenswerte aus. Es sind weniger als 10 Millionen Personen, die über diesen Reichtum verfügen. Auf weniger als 100.000 Personen entfallen ganze 9,8 Billionen US-Dollar – beinahe zwei Drittel des BIP der Europäischen Union.

Der Entzug solch enormer Summen (zum Vergleich: das BIP aller EU-Staaten beträgt etwas mehr als 15 Billionen US-Dollar) vor staatlicher Kontrolle hat bedeutende politische und wirtschaftliche Folgen. So entgehen den Staaten ca. 189 Milliarden US-Dollar pro Jahr an Steuereinnahmen durch ausbleibende Steuern auf die Renditen dieser Vermögen. Außerdem betont die Studie, dass viele Länder mit hoher Auslandverschuldung tatsächlich Netto-Kreditgeber an die Welt sind – wenn man die im Ausland gehorteten Vermögen Ihrer Einwohner mit einberechnet: 139 Länder mit geringem bis mittlerem Einkommen stehen mit ca. 4,1 Billionen US-Dollar in der Kreide. Verrechnet man allerdings die in Steuer- und Verdunkelungsoasen geparkten Vermögen Ihrer reichsten Bürger, verfügen diese Länder über einen Überschuss von 10 bis 13 Billionen US-Dollar.

Die Bericht können hier eingesehen werden:

The Price of Offshore Revisited: New Estimates for „Missing“ Global Private Wealth, Income, Inequality, and Lost Taxes
Key Issues
Main Report

Inequality: You don’t know the half of it (Or why inequality is worse than we thought)
Main Report
Appendix 1: The pre-history of offshore estimates
Appendix 2: Explaining Capital Flight
Appendix 3: Part 1 | Part 2

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Verwandtes:

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Eine Antwort

  1. Ganz passend dazu, gerade erschienen auf den Nachdenkseiten:

    Das Märchen von der Geldvernichtung

    „Eine gigantische Geldvernichtung!“ „Billionenwerte in Luft aufgelöst!“ „Milliardensummen verbrannt!“ So ähnlich lauten die Schlagzeilen, wenn die Kurse an den Finanzmärkten wieder einmal in den Keller rutschen. Geldwerte entstehen, sie wachsen und wachsen – und fallen dann irgendwann wieder in sich zusammen; so sollte man meinen. Dies ist jedoch blanker Unsinn. Das Gerede von der Geldvernichtung im Kontext von Finanzkrisen ist eine Lüge, die die eigentlichen Probleme des Finanzsektors kaschiert. Von Günter Wierichs.

    http://www.nachdenkseiten.de/?p=13956

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