Wenn Journalisten vergessen oder irren…

Ein Beitrag eines Freundes und langjährigen Mitstreiters zu den aktuellen Berichterstattungen zum Konflikt in der Ukraine, den ich hier gern veröffentlichen möchte:

Wenn Journalisten vergessen oder irren…

„Irren ist menschlich“ und Vergessen auch. Es geschieht uns täglich. Meist läßt es sich erträglich reparieren.

Wie jedoch ist das bei Journalisten, wenn sie sich berufsmäßig zu politischen Konflikten äußern, um vor allem zu informieren um damit ihre Adressaten für fundiertes eigenes Urteilen auszustatten? Nachwirkungen von journalistischem Vergessen oder Irren können weit reichen und sind nicht ohne weiteres zu stoppen.

Speziell kollektives journalistisches Vergessen oder Irren scheint ein Problem. Bisweilen breitet es sich epidemisch über die unterschiedlichsten Autoren und Medien hin aus, obgleich (oder weil?) doch Journalisten wahrscheinlich nichts so häufig lesen und hören wie von Berufskollegen Verfaßtes. – Die jüngsten Wochen und Tage liefern ein Beispiel.

Der Ukraine-Konflikt ist erregend, bedrohlich, Ängste auslösend. Überall wird er erörtert, werden seine Akteure besprochen, seine Erscheinungsformen beschrieben, Auswege gesucht – keineswegs ausschließlich, doch vorwiegend von Journalisten. Selbstredend steht da Differentes nebeneinander und stößt auch zusammen. Streiten durchschnittliche Nichtjournalisten, läßt sich oft unterschiedlicher Informationsstand ausmachen. Den Profis stehen reichere Quellen, Sachkenntnissen und fundiertes Hintergrundwissen zur Verfügung. Mit ihrem Vergessen und Irren rechnet man eigentlich nicht. Doch es kommt vor.

Zwei Beispiele zu den Ukraine-Ereignissen fallen mir auf:

  • Breite Ausführungen finde ich zu Überlegungen, was die eine Konfliktseite wohl eigentlich wollen könnte, welche Motive da möglich wären, wie weit sie wohl zu gehen beabsichtigen würde. Quellen finden sich kaum. Etwas weit hergeholte Analogien zeitigen eher Beschwörungs- als Überzeugungseffekte.

Gibt es eine rationale Erklärung dafür, daß der von „Putin“ zum 4. Führungstreffen der Wirtschaft der SZ am 25.11.10 veröffentlichte Beitrag unter der Überschrift „Von Lissabon bis Wladiwostok“ glatt vergessen wird? Es handelte sich um nicht weniger als die auf Jahrzehnte angelegte Europa-Strategie einer Verflechtung der Länder durch Handel und wirtschaftliche Kooperation. „Propaganda“? Aber dafür fehlen fundierte Begründungen. Das Veröffentlichen abwertender „Meinungen“ reicht nicht. Selbst Auseinandersetzungen mit ausflippigen geopolitischen Wunschvorstellungen aus(!) Rußland fehlen. Und keiner hat versucht, „ihn“ beim Wort zu nehmen.

  • Das 2. Vergessen betrifft die Eurasienstrategie der USA. Sollte eine solche nicht existieren, wäre Verwunderung überflüssig. Doch es gibt nun einmal gründliche einschlägige Darstellungen, gleichfalls ausdrücklich weit in die Zukunft reichend. Müßten Journalisten, die zur Ukraine schreiben, nicht wenigstens eine davon berücksichtigen, etwa Zbigniew Brzezinskis „Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft“? Und sollten sie nicht außer dem Titel zumindest noch jene mehr als 20 Textstellen kennen und bedenken, die den „geopolitischen Dreh- und Angelpunkt Ukraine“ (S.74) betreffen?

Die Ukraine ein solcher Schwerpunkt in Europa, Europa als Herzland Eurasiens, die Vorherrschaft über Eurasien als Voraussetzung für die weitere Vorherrschaft der „einzigen Weltmacht“ – das sollte aktuell nicht erörterungswürdig sein? Wir befinden uns am Anfang der vor 17 Jahren skizzierten Zukunft – und können abwägen, welchen Einfluß diese Strategie auf zwischenzeitliche Krisen und Kriegen gehabt haben könnte. Keinen? Das wäre wohl ein Irrtum.

Journalisten „meinen“ recht häufig. Wäre es nicht vor allem ihre Aufgabe, Wissen zu sichern und von diesem aus eine breite gesellschaftliche Diskussion anzustoßen – über das wieder salonfähig gewordene geopolitische Denken im Allgemeinen und sein Einwirken auf den Ukraine-Konflikt im Besonderen? Es könnte Irrtümer vermeiden helfen. Oder sind die Widrigkeiten so übermächtig?

Welche Wirkungen hat das Vergessen der o.g. strategischen Konzeptionen? Fördert es vielleicht jene Tendenz und schließlich Atmosphäre in Medien und Politik, die an den „Kalten Krieg“ erinnert, vielleicht aber auch an den „Kampf gegen das Böse“ und den an beide anschließenden „Krieg gegen den Terror“? Heute provoziert bereits das Erinnern gegen dieses Vergessen unweigerlich die Unterstellung einer „Parteinahme für Putin“. Vor allem jedoch schließt das Vergessen der auf das Geschehen einwirkenden Strategien im öffentlichen Disput offenbar für nicht wenige aus, sich auf die eigenen Interessen, die eigene Identität, einer eigenen Politik zu besinnen. Ist aus der Vergangenheit das Entweder – Oder, die treue Parteinahme für die jeweilige Führungsmacht noch zu geläufig?

Andererseits fördert das Erinnern, Bedenken und Folgeabwägen der differenten Europa- bzw. Eurasienstrategien das Bestimmen der eigenen Interessen Europas und der Bundesrepublik Deutschland.

Könnte sich nicht herausstellen, daß diese mit keiner der Seiten völlig, mit jeder von ihnen jedoch partiell übereinstimmen? Wäre das nicht hilfreich für zumindest teilsouveräne Politik? Freilich könnte sich ergeben, daß die „Vorherrschaft der einzigen Weltmacht“ über Europa und den eurasischen Kontinent so wenig im Interesse der europäischen Staaten und -gemeinschaft liegt wie eine „Vorherrschaft“ Rußlands. Was wollten wir dann?

Für manche repräsentiert „Putin“ bereits das Böse schlechthin. Immerhin können sich erfahrene Politiker die aktuelle russische Politik als eine Reaktion vorstellen. Auf die US-Millionen an die genehmen Teile der ukrainischen Opposition oder das Auftreten transatlantischer Politiker auf dem Maidan, die blitzartige Anerkennung einer ukrainischen Putschregierung vor jedem Gedanken an Wahlen bzw. auch nur einer Untersuchung der provozierend-mysteriösen Todeschüsse in Kiew, schließlich auf die Besuche höchstrangiger US-Politiker ebendort usf.?

Ist auszuschließen, daß all dieses als eine dezidierte Antwort auf die Strategievorschläge Putins an die Europäer verstanden wird? (Schon Brzezinski mahnte, „keinen eurasischen Herausforderer aufkommen zu lassen…“ und entwickelte deshalb seine (kenntnisreiche!) „in sich geschlossene Geostrategie“ (S.16.)

Und läßt sich ausschließen, daß die russische Politik den Vorstoß zur ausdrücklich einseitigen Bindung der Ukraine an die EU, dann aber auch das sofortige Abschwenken dreier europäischer Außenminister vom „garantierten“ Plan zum Abbremsen der Zuspitzungen in der Ukraine beantwortet mit einem: „Nun reicht es!“? Denn Erinnern an die Vielzahl gebrochener Versicherungen nach 1990 findet sich aktuell durchaus auch in der deutschen Medienlandschaft.

Wer hier nun blanken Antiamerikanismus gefunden zu haben glaubt, sollte sich immerhin ernsthaft fragen lassen, ob die an die o.g. Strategie angelehnte US-Politik der letzten ein bis anderthalb Jahrzehnte eigentlich so eindeutig im Interesse der USA-Bürger, ihres Staates und ihrer Gesellschaft lag. Wäre ein Bejahen nicht ein gewaltiger Irrtum?

Richtig, es geht hier nicht um „eindeutige Parteinahme“ nach dem Schwarz-Weiß- oder Gut-Böse-Schema, und deshalb mögen sich Vertreter beider Seiten beleidigt fühlen. Es geht gegen das Vergessen von so grundlegend Wichtigem in der Politik wie den skizzierten gegensätzlichen politischen Strategien und um das Besinnen auf die eigene Identität, die eigenen Interessen, eine eigene Politik – gewiß nicht als Don Quichotterie, sondern in Berücksichtigung der tatsächlichen Kräfteverhältnisse.

Und es geht um die Rolle, die ein vergessender und deshalb irrender oder jedoch ein tatsächlich aufklärender und zu eigenem Nachdenken befähigender Journalismus spielen kann – auch für die Selbstbestimmung des Bürgers und demokratische Entscheidungen im konkreten Fall und darüber hinaus.

P.S.

Natürlich ist bei bestimmten Medien und Autoren auch bewußtes Beschweigen unabdingbarer Informationen, absichtsvolles Vergessen und Irren nachweisbar. Das ist hier unberücksichtigt, weil es zum Thema der psychologischen Kriegführung gehört.

2014-04-22, Prof. Dr. Wolfgang Weiler (Leipzig)

Und weil’s grad irgendwie mal wieder zu meiner Stimmung passt: Gundermann. ;)

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