Stellungnahme

Aufgrund aktueller Diskussionen um meine Person möchte ich zu gewissen Vorwürfen und kritischen Kommentaren, die meine politische Arbeit betreffen, Stellung nehmen.

Die Existenz von verschiedenen Blogeinträgen und Artikeln im Internet hat dazu geführt, dass meine Äußerungen, meine Aktionen und nicht zuletzt auch meine Intentionen von einigen Personen meiner Meinung nach fehleingeschätzt wurden und werden. Ich war bisher der Auffassung, dass sich solche Unklarheiten über meine politische Positionierung in persönlichen Gesprächen besser klären lassen als auf schriftlichem Weg, doch die Erfahrungen der letzten Wochen haben die Notwendigkeit einer solchen Stellungnahme verdeutlicht. Dies vor allem deshalb, da ich mittlerweile sehe, dass meine Person wie auch meine Arbeit weiterhin gezielt diffamiert werden und dies Spaltungen in einigen Netzwerken herbeiführt und wohl auch herbeiführen soll. Maßgeblich geht es hier um mein friedenspolitisches Engagement vor zwei Jahren, zu welchem aber auch heute noch diverse Artikel veröffentlicht werden, die mir u.a. „Querfrontbestrebungen“, „Rechtsoffenheit“, „Antisemitismus“, „Verschwörungstheorien“ und noch weiteres andichten. Ich hoffe, dass die Schreiber/innen und die Rezipienten ihre bisherigen Aussagen und Auffassungen überdenken und sie gegebenenfalls revidieren.

 

Ich bin seit knapp 16 Jahren in Leipzig politisch aktiv und setze mich lokal wie überregional für eine gerechtere Welt ein, indem ich mich für den Erhalt öffentlicher Daseinsvorsorge (u.a.), entwicklungspolitische Bildungsarbeit (u.a.), gegen die Ökonomisierung der Hochschulen, für Umverteilung von oben nach unten, für Regulierungen der Finanzmärkte (u.a.), Steuergerechtigkeit, Entmilitarisierung, Abrüstung und Frieden stark mache. Mein Engagement wendet sich immer auch gegen Nazis und Rechtspopulist/innen, gegen Chauvinismus, Rassismus, Antisemitismus, völkische Ideologien und sonstige Positionen der Ungleichwertigkeit oder gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit.

 

Trotzdem wurde in der Vergangenheit der Vorwurf laut, dass ich eine sogenannte „Querfront“ unterstützen und damit „zur Verbreitung von Ideologien der Ungleichwertigkeit beitragen” würde. Menschen, mit denen ich politisch zusammenarbeite und die mich seit Jahren kennen, können diesen Vorwurf nicht nachvollziehen. So hat z.B. attac Leipzig deutlich gemacht, dass mit Blick auf meine Person „kein Zweifel an seiner klaren Abgrenzung zu rechtem, rechtsoffenem oder anderweitig antiemanzipatorischem oder menschenfeindlichem Gedankengut“ besteht [LINK].

 

Im Frühling 2014 haben sich einige Menschen in Leipzig wie auch in anderen Teilen des Landes aufgrund der Kriegshandlungen in der Ukraine auf die Straße begeben. Die berechtigte Sorge um das Aufflammen von Kriegshandlungen nach der Nichtunterzeichnung des Freihandelsabkommens mit der EU durch die ukrainische Regierung und die einseitige Darstellung in einer Vielzahl von großen Medien brachte viele Menschen dazu, für Frieden zu protestieren.

 

In einer  Stellungnahme vom Mai 2015 von Leipziger Courage-Preisträger_innen zur Leipziger Friedensbewegung (LINK) geht es um deren Beteiligung (meine sehe ich hier eingeschlossen) an den Leipziger Montagsmahnwachen sowie am sogenannten Friedenswinter 2014/2015. (Der Vollständigkeit halber hier die spontane, in ähnlicher Sprache verfasste Reaktion von einigen Aktiven LINK, die ich heute aus sprachlichen, nicht aus inhaltlichen Gründen anders formulieren würde.)

 

An den Montagsmahnwachen haben tatsächlich auch Leute mit kruden Ansichten teilgenommen. Diese waren in Leipzig jedoch kaum sichtbar und spielten keine einflussreiche Rolle. Wegen Differenzen über die basisdemokratische Ausgestaltung und weil diese Leute ein Problem mit der klaren inhaltlichen Ausrichtung der Leipziger Montagsmahnwache hatten (“Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus!”), kam es bald zur Abspaltung. Das genannte Motto war ab der dritten Mahnwache auf dem großen Frontbanner der Montagsmahnwachen zu lesen und wurde damals von mir zusammen mit anderen angefertigt und genau deswegen gut sichtbar mitgeführt und bei den Kundgebungen gezeigt, um Leute mit rechtem Gedankengut fernzuhalten. Dass auf der Leipziger Mahnwache kein Platz für Rassismus, Antisemitismus oder menschenfeindliche Positionen sein darf, ist immer Konsens in der Vorbereitungsgruppe gewesen und wurde auf jeder Mahnwache am Mikrofon betont.

 

Dennoch war die mediale Darstellung der Mahnwachen derart negativ, dass das friedenspolitische Engagement nicht nur unterging, sondern letztlich auch generell nachhaltig geschwächt wurde. Versuche einer differenzierten und sachlichen Auseinandersetzung wurden nicht gehört, sondern die berechtigte Kritik an einzelnen Akteuren wurde auf die gesamte Friedensbewegung angewendet. (Hier der Aufruf den wir damals geschrieben haben gegen die pauschale Verurteilung der Mahnwachen. LINK)

 

Ob meine Teilnahme an den Montagsmahnwachen in Leipzig und dem bundesweiten Friedenswinter ein taugliches Mittel gewesen ist, dem Thema Frieden und Entmilitarisierung zu der Aufmerksamkeit zu verhelfen, die es verdient und nötig hat, mag man unterschiedlich beurteilen. Aus meiner Sicht überwiegen die positiven Effekte durch die neu gewonnenen, sehr aktiven Personen. Dennoch muss auch gesagt werden, dass sich durch die Angriffe auf die Mahnwachen und die Verurteilung viele Menschen, die sich das erste Mal in ihrem Leben engagiert haben, in die politische Passivität zurückgezogen haben, was ich zutiefst bedauere. Ich denke, dass politische Arbeit und die Teilnahme an Protesten immer auch Bildungsarbeit ist, um möglichst viele Menschen und besonders jene, die politisch bisher nicht aktiv waren, für existierende Probleme zu sensibilisieren. Dass dazu auch Diskussionen mit Andersdenkenden gehören, liegt in der Natur der Sache und ist auch ihr Sinn. Denn eines ist klar: Wenn ich etwas verändern möchte in einer Gesellschaft, – und diesen Anspruch habe ich -, dann muss ich auch und gerade mit Menschen sprechen, die nicht meine Überzeugung in allen Punkten teilen. Daher habe ich die Mahnwachen immer auch als Bildungsprojekt gesehen, um möglichst viele für ein differenziertes und emanzipatorisches politisches Bewusstsein und Engagement zu gewinnen. Ich finde, man muss mit den Menschen offen und ehrlich reden, diskutieren und widersprechen. Das heißt gelebte Pluralität von Meinungen bei gleichzeitiger deutlicher Ablehnung jeglicher Form menschenfeindlicher Einstellungen.

 

Durch die frühen medialen Angriffe auf die Mahnwachen und die damit einhergehende Schwächung jeglichen friedenspolitischen Engagements wurde aus meiner Sicht eine der Grundlagen für das Entstehen von rassistischen Mobilisierungen wie Pegida gelegt. Beachtliche Teile fortschrittlicher, emanzipatorischer oder linker Kräfte waren nicht in der Lage, die Friedensmahnwachen ernst zu nehmen und inhaltlich zu begleiten. Von Vielen wurde stattdessen eine passive Rolle eingenommen, in der man seit anderthalb Jahren nur noch reagiert und sich bspw. beim (wichtigen) Engagement gegen Legida von rechts den Takt vorgeben lässt, ohne aber die Ursachen zu benennen und die soziale Frage zu stellen, geschweige denn in eine aktive Rolle zu kommen.

 

Bedauernswerte Folge der Mahnwachen und des Umgangs mit ihnen ist, dass ein vergiftetes Klima innerhalb von Bewegungen und Bündnissen entstand, das alle Beteiligten viel Kraft und Zeit gekostet hat und noch immer kostet – Kraft und Zeit, die in der wichtigen Aufklärungs- und Protestarbeit fehlt. Wenn ich auf die teils vorwurfsvollen und beleidigenden Anwürfe nicht immer sachlich und ruhig reagiert habe, dann bedauere ich das.

 

Ich werde mich aber entsprechend meiner Überzeugung auch weiterhin gegen neoliberale Denkstrukturen, Krieg und Rassismus engagieren. Gerade in einer Zeit, in der die Bundesregierung sich nicht zu schade ist, genau am 75. Jahrestag des faschistischen Überfalls auf die Sowjetunion eine Pressemeldung mit Kanzlerinnenzitat herauszugeben, in der vor „der Bedrohung von außen“ gewarnt wird und in der ein beispielloses Aufrüstungsprogramm für die Bundeswehr angekündigt wird (LINK), – in einer Zeit, in der Geflüchtete, anstatt ihnen Schutz und Willkommen zu bieten, gezielt zur Projektionsfläche für soziale und wirtschaftliche Ungerechtigkeiten und Probleme gemacht werden, – in einer solchen Zeit ist es gerade notwendig, antirassistisches und friedenspolitisches Engagement zu verstärken. Mit einer starken Friedensbewegung wäre ein solches Aufrüstungsprogramm und die Aushöhlung der Asylgesetzgebung in dieser Form nicht möglich gewesen. Wenn man es ehrlich meint, dann reicht es eben nicht aus, gegen Pegida auf die Straße zu gehen und „Haut ab!“ zu skandieren. Die Frage nach den Verhältnissen, die dazu führen, dass Menschen für rassistische Parolen empfänglich werden, muss in den Mittelpunkt gerückt werden. Verhältnisse wie Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit, wachsende soziale Ungleichheiten usw. sind eine entscheidende Ursache für die Verführbarkeit von Menschen mithilfe einfacher rassistischer Formeln. Das lehrt die Geschichte und das kann man heute wieder beobachten. Aber auch heute scheinen die Einen diese Debatte nicht zu wollen, weil sie fürchten, das könne als Entschuldigung für rassistische Gewalttaten betrachtet werden, während die Anderen diese Diskussion nicht wollen, weil sie mit gutem Grund fürchten, sie würde zu einer Kritik an den herrschenden politischen und ökonomischen Verhältnissen führen.(LINK)

 

Nun noch zu den Ereignissen in Verbindung mit dem Arbeitskreis Nahost der SDS Hochschulgruppe Leipzig im März 2015: Es gibt hierzu Falschaussagen im Netz, die mich als „Mitglied des AK Nahost“ bezeichnen. Ich bin kein Mitglied des AK und war als interessierter Gast auf den damaligen Veranstaltungen zur Buchmesse, und im Nachgang der beiden Veranstaltungen waren Fehldarstellungen der dortigen Ereignisse im Netz zu finden, auf die ich als anwesender Beobachter mit einem Kommentar reagiert habe. (LINK)

 

Einige Mitglieder des AK, die sich im Übrigen wissenschaftlich mit dem Thema auseinandersetzen, kenne ich durch meine politische Arbeit schon seit längerem. Meines Erachtens werden dort bestimmte Aspekte der Israel/Palästina-Problematik differenziert aufgearbeitet. Antisemitismus – in welcher Form auch immer – ist meinen politischen Ansichten fern und in seiner Gefährlichkeit und seinen Ausprägungen wichtiger Teil meiner Aufklärungsarbeit. Das heißt für mich nicht, dass eine Kritik an der aktuellen Politik der israelischen Regierung in Bezug auf ihre konservative, neoliberale und teilweise militaristische Ausrichtung antiisraelisch oder gar antisemitisch wäre.

 

Abschließend möchte ich noch darauf verweisen, dass derartige Angriffe nicht neu sind, sondern auch eine Methode um Engagement zu diskreditieren und zu schwächen. So wurde in der Vergangenheit bspw. mehrfach versucht, Aktivitäten von Attac zu schwächen, indem man Organisationen und Personen gezielt versuchte, mit Kampfbegriffen wie bspw. „Querfront“, „verkürzte Kapitalismuskritik“, „Anschlussfähigkeit nach rechts“ usw. zu belasten.

Schaut man genauer hin, dann erkennt man, dass diejenigen, die diese Vorwürfe erheben, häufig erstaunlicherweise tatsächlich antisemitische Argumentationsmuster bedienen, indem sie berechtigte Kapitalismuskritik, – Kritik an Konzernen und Banken, Kritik an der Akkumulation von Kapital, an CETA und TTIP, Kritik an der NATO usw. – umcodieren als Kritik an einzelnen Personengruppen wie „Managern“, „Bankern“ oder auch Menschen jüdischen Glaubens. Das ist eine mehr als nur problematische Umdeutung, die letztendlich der Lösung der existierenden sozialen Probleme entgegensteht, sie verzerrt und einer potentiell schlagkräftigen Linken ins Genick schlägt. Wer sich hierfür mehr interessiert, dem empfehle ich u.a. das Buch „Rufmord – Die Antisemitismuskampagne gegen Links“ vom vergangenen Jahr. [LINK]

 

Ich hoffe, mit den Ausführungen meinen Standpunkt deutlich gemacht zu haben. Falls jemand hierzu noch Fragen oder Anmerkungen hat, so bitte ich um direkte Kontaktaufnahme mit mir.

 

 

Marx - Jeder Schritt wirklicher Bewegung

Weil’s irgendwie dazu passt. ;)

5 Antworten

  1. Sehr schade, was Ihnen da angedichtet wird. Ich hoffe, Sie lassen sich nicht unterkriegen und arbeiten weiter so engagiert.

  2. Traurig, wie hier die Spaltung linker Protestbewegungen betrieben und an einem Aktivisten wie Mike Nagler festgemacht wird. Ich hoffe, er kann auch in Zukunft so aktiv sein wie bisher. Die Stadt braucht Leute wie ihn!

  3. Hey Mike, der Text ist gut und authentisch, aber mal im Ernst, du hast es doch überhaupt nicht nötig sowas zu schreiben oder auf den Müll den dir da versucht jemand anzudichten zu reagieren. Alle die dich kennen und wissen was du auf die Beine stellst wissen doch wo du stehst. Und das sind viele. Mach weiter so wie bisher und lass dich von sowas nicht abhalten. LG

  4. […] einer Stellungnahme weist Mike Nagler den Vorwurf zurück, er sei offen für rechtes Denken. Doch er bleibt bei seiner Unterstützung von Mahnwachen und dem […]

  5. Kurz zur weiteren Erklärung (eigentlich müsste man, damit es wirklich komplett für Außenstehende nachvollziehbar ist, noch viel detailierter machen): Nachdem ich diese Stellungnahme veröffentlicht hatte, gab es daran Kritik. Nicht derart wie ich sie mir gewünscht hatte, – hatte ich doch in diesem Fall extra um direkte Kontaktaufnahme gebeten. Die Kritik kam dahingehend, dass mir ein Brief zugespielt wurde, der an den bundesweiten Trägerkreis der Demos am 17.9., die ich mitorganisiere, gerichtet war und der sich gezielt gegen die Mitwirkung meiner Person an der Demo richtete. Man muss noch dazu sagen, dass B90/Grüne bisher nicht in die Vorbereitungen irgendwie involviert gewesen sind, – aber geschenkt.

    1. Version des Briefes der Grünen:
    https://mikenagler1.files.wordpress.com/2016/09/offener_brief_ttip.pdf und
    2. Version mit Unterschreiber/innen:
    https://mikenagler1.files.wordpress.com/2016/09/offener-brief-absage-an-die-querfront-neu.pdf)

    Nachdem das bekannt wurde, gab es zahlreiche Erklärungen verschiedener Organisationen die diese Anschuldigungen zurückwiesen und das Vorgehen der Grünen kritisierten.

    In einem Gespräch mit Vertretern des Trägerkreises der Demo sowie den Grünen wurde ich gebeten, die Stellungnahme zu überdenken und ich erklärte mich bereit, mir die Kritik der Briefunterzeichner anzuhören und aufzunehmen, soweit ich sie als berechtigt ansehen würde.

    Dies tat ich umgehend in einem persönlichen Gespräch mit Vertretern der Briefunterzeichner und habe daraufhin meinen Text überarbeitet und ergänzt.Allerdings konnte auch das die Kritiker nicht zufriedenstellen.

    Der ganze Vorgang um den Brief an den Trägerkreis und die schlußendliche Absage von Bündnis 90/Die Grünen an das lokale Bündnis (sie mobilisieren für den 17.09. nach Berlin) wäre eine gesonderte, detaillierte Beschreibung wert. Diese wird ggf. später nachgereicht.

    Ich stelle den überarbeiteten Textentwurf hier mal mit zur Verfügung, da darin noch ein paar Aspekte auftauchen die in im obigen Text nicht enthalten sind und damit sich der/die interessierte Leser/in selbst ein Bild machen kann:

    „Stellungnahme

    (Überarbeitet im August 2016)

    Vorbemerkung

    Ich bin von verschiedenen Gruppen und Personen gebeten worden, meine Stellungnahme vom Juli zu überarbeiten. Es gab diverse Kritikpunkte, die ich zur Kenntnis genommen, geprüft und, soweit ich sie begründet fand, in der überarbeiteten Stellungnahme berücksichtigt habe.

    In den letzten Wochen und Monaten gab es diverse Blogeinträge, Artikel, Briefe und ähnliche Verlautbarungen, die geeignet waren, Zweifel oder Unklarheit bezüglich meiner politischen Aktivitäten hinsichtlich der Abgrenzung nach Rechts bzw. Rechtspopulisten hervorzurufen. Diese Kritik hat mich teilweise sehr betroffen gemacht, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass mein Wirken so mißinterpretiert werden könnte. Manche Äußerungen fand
    ich in Form und Inhalt unangebracht und destruktiv. Diese Erfahrungen haben eine schriftliche Stellungnahme notwendig erscheinen lassen, wenn ich auch den direkten, persönlichen Austausch sehr schätze, den ich oft besser und wirkungsvoller finde. Diesen biete ich gern allen an, die an meiner politischen Arbeit interessiert sind oder auch Kritik äußern möchten.

    Ich bin seit knapp 16 Jahren in Leipzig politisch aktiv und setze mich lokal wie überregional für eine gerechtere Welt ein, indem ich mich unter anderem für den Erhalt öffentlicher Daseinsvorsorge, entwicklungspolitische Bildungsarbeit, gegen die Ökonomisierung der Hochschulen, für Umverteilung von oben nach unten, für Regulierungen der Finanzmärkte, Steuergerechtigkeit, Entmilitarisierung, Abrüstung und den Erhalt des Friedens stark mache. Mein Engagement wendet sich immer auch gegen Nazis und
    Rechtspopulist/innen, gegen Chauvinismus, Rassismus, Antisemitismus, völkische Ideologien und sonstige Positionen der Ungleichwertigkeit oder gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit.

    Trotzdem wurde in der Vergangenheit der Vorwurf laut, dass ich eine
    sogenannte „Querfront“ unterstützen und damit „zur Verbreitung von
    Ideologien der Ungleichwertigkeit beitragen“ würde. Menschen, mit denen ich politisch zusammenarbeite und die mich seit Jahren kennen, können diesen Vorwurf nicht nachvollziehen. So hat z.B. attac Leipzig deutlich gemacht, dass mit Blick auf meine Person „kein Zweifel an seiner klaren Abgrenzung zu rechtem, rechtsoffenem oder anderweitig antiemanzipatorischem oder menschenfeindlichem Gedankengut“ besteht [http://www.attac-leipzig.de/selbstdarstellung.html].

    Worauf sich diese Vorwürfe beziehen und wie sich die Entwicklung der
    „Montagsmahnwachen“ in Leipzig vollzogen hat, möchte ich im folgenden darlegen: Im Frühling 2014 haben sich einige Menschen in Leipzig wie auch in anderen Teilen des Landes aufgrund der Kriegshandlungen in der Ukraine auf die Straße begeben. Die berechtigte Sorge um das Aufflammen von Kriegshandlungen nach der Nichtunterzeichnung des Freihandelsabkommens mit der EU durch die ukrainische Regierung und die oft als einseitig empfundene
    Darstellung in einer Vielzahl von großen Medien brachte viele Menschen dazu, für Frieden zu protestieren.

    Die Idee war, auch in Leipzig eine Möglichkeit zu schaffen, politische
    Gedanken und Ideen zu äußern, die friedensfördernd sind. Als Konzept wurde das sog. „offene Mikrofon“ genutzt, welches sich auf einem öffentlichen Platz befand, an dem Teilnehmer der Mahnwachen frei reden durften. Während der ersten Mahnwachen wurde klar, dass es aufgrund von zum Teil negativen Medienberichten über Mahnwachen in anderen Städten einer deutlichen Abgrenzung gegenüber rassistischem, antisemitischem und menschenverachtendem Gedankengut bedurfte. Deswegen wurde von mir gemeinsam mit anderen initiiert, die Vorbereitungstreffen der Kundgebungen basisdemokratisch auszurichten. Das bedeutete konkret, dass die jeweils kommende Mahnwache anfangs von 20 bis 30, später von 50 bis 70 Personen organisiert wurde. Innerhalb dieser Gruppe prüfte bspw. eine „Inhalts-AG“ die geplanten Redner. Desweiteren mussten alle Reden an diese „Inhalts-AG“ gesendet werden, um möglichst auszuschließen, dass sich rechtes Gedankengut unter die Reden mischt und um außerdem sicherzustellen, dass der Fokus auf dem Thema Frieden liegt. Allein dies zeigt, dass von einer Offenheit für rechtes Gedankengut keine Rede sein kann und alles uns möglich Erscheinende unternommen wurde, um die klare politische Positionierung sicherzustellen.

    Dennoch soll nicht verschwiegen werden, dass ein kleiner Teil des Orga-Kreises Probleme mit der basisdemokratischen Ausgestaltung und der inhaltlichen Ausrichtung der Leipziger Montagsmahnwache hatte. Wegen dieser Differenzen kam es dann zur Abspaltung einiger Personen die eine zweite Mahnwache an einem anderen Ort anmeldeten. Unter dieser Gruppe befand sich eine heutzutage in der Legida-Organisation führende Person, die jedoch zum Zeitpunkt der Mitarbeit an den Montagsmahnwachen ihre tatsächliche Gesinnung
    nicht erkennen ließ. In den jeweils letzten dreißig Minuten jeder Mahnwache wurde das „offene Mikrofon“ beibehalten, um einen Diskurs zwischen den Zuhörern zu ermöglichen. Der seltene Fall, dass jemand dieses offene Mikrofon für problematische Aussagen nutzte, ließ sich nicht zu einhundert Prozent ausschließen. Obwohl das Organisationsteam und ich zu jedem Zeitpunkt um eine klare Abgrenzung gegen rechts bemüht waren, hätte rückblickend gewiss an der einen oder anderen Stelle noch sensibler reagiert bzw. noch konsequenter gehandelt werden können. Zum damaligen Zeitpunkt mit
    dem damaligen Wissen und Möglichkeiten glaubte ich jedoch alles unternommen zu haben, um eine sichtbare und wirksame Abgrenzung zu erreichen.

    Dass auf der Leipziger Mahnwache kein Platz für Rassismus, Antisemitismus oder menschenfeindliche Positionen sein darf, ist immer Konsens in der Vorbereitungsgruppe gewesen und wurde auf jeder Mahnwache als Einleitung am Mikrofon betont. Das Motto „Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus!“ war ab der dritten Mahnwache auf einem großen, von mir mit angefertigtem Frontbanner der Montagsmahnwachen zu lesen. Es wurde gut sichtbar mitgeführt
    und bei den Kundgebungen gezeigt, um die inhaltliche Ausrichtung auch visuell deutlich zu machen. Wenn den Organisator/innen
    Kundgebungsteilnehmer/innen die rechtes Gedankengut vertreten auffielen, wie einmal beispielsweise ein NPD-Mitglied aus Schneeberg, dann wurde dieser von der Demonstration ausgeschlossen.

    Die überregionale mediale Darstellung der vielfältigen Mahnwachen in
    der Bundesrepublik war teilweise sehr negativ, und leider wurde auf Abgrenzungen gegen rechts wie die unserer Leipziger Mahnwache nicht eingegangen. Damit wurde das friedenspolitische Engagement nachhaltig geschwächt, und Versuche einer differenzierten und sachlichen Auseinandersetzung wurden kaum gehört. Die zweifellos berechtigte Kritik an einzelnen Akteuren wurde dagegen auf die gesamte Friedensbewegung angewendet. Eine differenzierte Darstellung der Medien wäre wünschenswert gewesen. Das lässt sich nachträglich zwar nicht mehr ändern, dennoch kann durch weitere konsequente politische Arbeit und eine klare Abgrenzung gegen rechts friedenspolitisches Engagement auch in Zukunft fortgeführt und sogar noch gestärkt werden. (Hier der Aufruf, den wir damals geschrieben haben gegen die pauschale Verurteilung der
    Mahnwachen. https://mikenagler1.wordpress.com/2014/05/19/aufruf-fur-eine-solidarische-auseinandersetzung-mit-den-montagsmahnwachen/)

    Ob meine Teilnahme an den Montagsmahnwachen in Leipzig und dem bundesweiten Friedenswinter ein taugliches Mittel gewesen ist, dem Thema Frieden und Entmilitarisierung zu der Aufmerksamkeit zu verhelfen, die es verdient und nötig hat, mag man unterschiedlich beurteilen. Dass man im Nachhinein manches anders sieht und besser machen könnte, ist klar und immer Teil der Geschichte. Aus meiner Sicht überwiegen die positiven Effekte durch die neu
    gewonnenen, sehr aktiven Personen. Dennoch muss auch gesagt werden, dass sich durch die Angriffe auf die Mahnwachen und die Verurteilung viele Menschen, die sich das erste Mal in ihrem Leben engagiert haben, in die politische Passivität zurückgezogen haben, was ich zutiefst bedauere. Ich denke, dass politische Arbeit und die Teilnahme an Protesten immer auch Bildungsarbeit ist, um möglichst viele Menschen und besonders jene, die politisch bisher nicht aktiv waren, für existierende Probleme zu sensibilisieren. Dass dazu auch Diskussionen mit Andersdenkenden gehören, liegt in der Natur der Sache und ist auch ihr Sinn. Denn eines ist klar: Wenn ich etwas verändern möchte in einer Gesellschaft, – und diesen Anspruch habe ich -, dann muss ich auch und gerade mit Menschen sprechen, die nicht meine Überzeugung in allen Punkten teilen. Daher habe ich die Mahnwachen immer auch als Bildungsprojekt gesehen, um möglichst viele für ein differenziertes und emanzipatorisches politisches Bewusstsein und Engagement zu gewinnen. Ich finde, man muss mit den Menschen offen und ehrlich reden, diskutieren und widersprechen. Das heißt gelebte Pluralität von Meinungen bei gleichzeitiger deutlicher Ablehnung jeglicher Form menschenfeindlicher Einstellungen.

    Bedauernswerte Folge der Mahnwachen und des Umgangs mit ihnen ist, dass innerhalb von Bewegungen und Bündnissen aufgrund unterschiedlicher Einschätzungen, Missverständnisse und fehlender oder misslungener Kommunikation viel Misstrauen entstanden ist, das alle Beteiligten viel Kraft und Zeit gekostet hat und noch immer kostet – Kraft und Zeit, die in der wichtigen Aufklärungs- und Protestarbeit fehlt. Die Auseinandersetzung wurde oftmals nicht sachlich und konstruktiv geführt und wenn ich selbst nicht immer sachlich und ruhig reagiert habe, dann bedauere ich das. Ich hoffe zum einen, mit den Ausführungen meinen Standpunkt deutlich gemacht zu haben und zum anderen, dass diese Stellungnahme in der vorliegenden Fassung als ein Beitrag wahrgenommen wird, den Diskurs innerhalb der emanzipatorischen Bewegungen sachlich und konstruktiv zu gestalten. Wir brauchen Klarheit, gegenseitiges Vertrauen und Akzeptanz, wenn wir gemeinsam etwas erreichen wollen. Falls jemand hierzu noch Fragen oder Anmerkungen hat, so bitte ich um direkte Kontaktaufnahme mit mir.“

    Das Netzwerk Vorsicht Freihandel hat sich daraufhin auch nochmal geäußert und erneut hinter mich gestellt und die Angriffe auf das Netzwerk, die Demos und meine Person zurückgewiesen. U.a. hier:
    http://vorsichtfreihandel.blogsport.de/2016/09/06/kein-platz-fuer-freihandelskritik-von-rechts

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